Warum ich nie zum Stadtkind werde

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Wie ich das Dorfleben gehasst habe, damals, als mir noch die Hormone allzu sehr zu schaffen machten und meine Eltern an allem Schuld waren. (Als wär das heut anders). Da gab es einfach nichts cooleres, als Freitag nachmittag geschwind nach der Schule mit den Chicas nach Hause zu rennen, um sich stadtfein zu machen. Auch wenn es recht antiquarisch klingen mag, genauso haben wir „Landeier“ den Wechsel vom Dorfmadl zum schicken Münchner Kindl empfunden. Ich bin weiß Gott nicht auf einem Bauernhof groß geworden (auch wenn ich ständig davon träumte), aber die Luft in bayerischen Kleinstädten riecht eben auch nicht nach Chanel No. 5, sondern eher nach odelig anmutendem Kuhgesäß. Haare wurden geglättet, Pickel mit Maybelline Dream Matt Mousse verdeckt und vorzugsweise direkt neue Kleidung gekauft. Tschuldigung, a neis G’wand mein ich. Diese innere Unruhe und freudige Erregtheit, wenn man in viel zu hohen Hacken am Bahnhof stand (am besten noch im Winter) und die ersten Seelenregungen, das Gefühl von Freiheit sich breit machten. Ab in die Großstadt, der eigentlichen Heimat! Schon am Hauptbahnhof versetzte mich dieser unverkennbare Geruch – eine Mischung aus Benzin, Kotze und Chanel No. 5- in kindliche Euphorie. In der Stadt war alles möglich. Ich verfluchte mein Schicksal.

Die allzu hohen Hacken schnitten mir ins zarte Fußfleisch, ich fühlte mich wie eine New Yorker Cinderella, die Jane des Großstadtdschungels – auch wenn ich wohl eher wie Prinzessin Gertrude von Kuhfurz aussah. Dennoch : die eigentliche Mission war ja, den Großstadttarzan zu finden, der aus dem dörflichen Entlein einen kessen Schwan machen sollte. Auf dem Weg zur Disko stolperte ich über gefühlt 20 Penner, wurde von gefühlt 100 Türken oder anderen Kanacken bepfiffen und sah schon die ein oder andere Nadel im Heu-ich meine, – Betonhaufen. Big city life, I love you.

Ich werde hier denke ich nicht weiter darauf eingehen, wie die Nächte als sechzehnjähriges Kleinstadtmädchen in einer Münchner Diskothek ablaufen – zunächst um mir den letzten Funken Würde zu bewahren, an den ich mich seit meiner ersten Erfahrung mit meinem kleinen Freund Vodka eisern festkralle – und vor allem auch, um meinen Eltern so kurz vor ihrem Ableben den ein oder anderen Herzinfarkt zu ersparen.

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Das Leben ist wie eine Tracht Prügel : man weiß nie, wohin es einen verSCHLÄGT.

Zehn Jahre später kommt mir der Großstadtdschungel nicht mehr wirklich dschungelmäßig vor. Wenn man hier lebt, ist es eher wie die Arena aus „Die Tribute von Panem“. Wenn dich heute mal nicht der ekelhafte Pädo vom zweiten Stock mit seinen gierigen Glubschäuglein verschlingt, oder ein anderer Geisteskranker dich an einer stillen Kreuzung nachts mit 240 kmh überfährt, hast du erfolgreich Tag 1 von 365 überlebt. Letzte Woche habe ich sage und schreibe zwei Nächte durchschlafen können. Man könnte ja meinen, in einem gediegenen und etablierten Stadtteil wie Bogenhausen sei man gefeit vor wahnwitzigen und unangenehmen zwischenmenschlichen Eskalationen. Das ist jedoch nicht der Fall, wenn das russische Pärchen in der Wohnung nebenan (die üblicherweise aus Pappe gebaut ist) trotz alltäglicher Streitereien wegen Unzucht zum Entschluss gekommen ist, ein Baby würde der partnerschaftlichen Idylle den letzten Schliff verleihen. Ich kann zwar kein russisch, dafür aber kanakisch, das ist zum Glück international. Der mörderische Unterton des Vaters, gepaart mit den Todesschreien der Auserwählten plus ätzendes Babygekreische lassen darauf schließen, dass diese Familie in ihrer Freizeit für Tchibo posiert und ich auf keinen Fall irgendwann die Polizei holen muss, weil es sich anhört als würden sich diese Unmenschen gegenseitig abschlachten.

Was wollte ich eigentlich ? Achja. Mein sanftes Gemüt ist anscheinend nicht für die Stadt gemacht. Angeblich sollen Landeier ja Stress generell besser bewältigen können, als Großstädter. Das haben ein paar schlaue Füchse des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim herausgefunden. Die Versuche haben gezeigt, dass  Städter allgemein anfälliger für psychische Störungen sind, was die hohen Raten von Depressionen und Angsterkrankungen in Großstädten erklärt. Oder auch nicht erklärt, typisch Studien eben. Aber warum ist das so ? Warum kommt es mir in der Stadt so vor, als wär man nie wirklich allein, wenn man es sein möchte – zum Beispiel an den ätzend langen Supermarktkassen, im Wartezimmer vom Proktologen, abends im Park oder morgens beim Bäcker- aber auch nie wirklich in Gesellschaft, weil jedes „Hallo“ oder „Wie geht’s“ einfach nur unecht klingt – eher der guten deutschen Kinderstube entspringt als tiefer Nächstenliebe. Natürlich ist das weit hergeholt und dramatisiert, aber ich kann einfach sehr gut nachempfinden, warum Leute in der Stadt depressiv werden oder einsam sind.

img_1829Früher hat mich die fehlende Anonymität der Kleinstadt wahnsinnig gemacht. Wenn man abends unter Straßenlaternen heimlich den ersten Freund küsste, konnte man wenn man kurz Luft holte im Augenwinkel sehen, wie sich die pinke Küchengardine mit den Stickmotiven von Müller’s rasch zuzog. Beim nächsten Frühstück wurde man dann von der Familie schelmisch und allwissend belächelt – oder in meinem Fall gab’s dann Stubenarrest. Wenn man seine Tage gekriegt hat, wusste es halt nicht nur Omi, sondern Omis Freundinnen und deren Enkel, die dann meistens in derselben Klasse waren. Man konnte auch nicht klammheimlich  aus dem Kinderzimmerfenster steigen, das hat Frau Müller nämlich zufällig beim Apfelkuchen backen gesehen. Den ersten Suff hatte man nicht nur im Freundeskreis, sondern im Landkreis. Okay, nein. Aber JEDER wusste am nächsten Tag, mit wem man rumgezüngelt und wohin man gereihert hat. Dem ein oder anderen mag es halt penetrant vorkommen, beim Brötchenholen von der Sprechstundenhilfe süffisant belächelt zu werden, weil man noch die Pyjamahose anhatte. Vielleicht ist es Frau Müller auch wirklich Wurst, ob ich beim heimlich-aus-dem-Fenster-klettern lebend wieder heimkomme, Hauptsache man kann sich beim nächsten Kaffeeklatsch über die Teufelsbrut auslassen. Aber eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche : Wenn du in der Stadt aus dem Fenster kletterst, um heimlich saufen zu gehen und auf dem Heimweg dem nächsten Serientäter zum Opfer fällst, bist du eine der vielen Schlagzeilen im Tagblatt- eine Nummer, ein Name. Ein Etwas im Meer der Anonymität. Daheim, da hat die Müller’s Frau beim nächsten Kaffeekränzchen wenigstens was zu erzählen. Ich möchte hier wirklich kein Großstadt-bashing betreiben. Ich liebe die vielen Studentencafés, in denen man stundenlang sitzen kann, oder die wundervollen second hand shops. Es gibt immer etwas zu erleben, immer etwas zu tun. Aber vielleicht ist auch gerade das das Problem : In der Stadt, da bin ich rastlos, immer auf der Suche, immer im Kopf. Und wenn ich dann „daheim“ bin, da ist es dann plötzlich still im Kopf. Da tickt der Wecker nicht mehr so laut, da schmeckt die Luft nach lecker. Da wird man nicht vom Außen überwältigt, von der Angst und Eile der Menschen. Da ist das Außen ganz ruhig und lässt Raum, Raum für das, was wirklich wichtig ist : die eigene Stimme. Da nimmt man sich sogar nach dem Bäcker kurz Zeit für Frau Müller und ihre Wehwechen- einfach, weil man Lust hat.

 

QUELLEN :

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/04/gesundheit-landleben-stadtleben

http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/psyche-wie-parks-und-gruenflaechen-stadtmenschen-gluecklich-machen-a-895351.html

 

Bin ich zu fett ?

Jawohl. Laut Eurostat liegt der Anteil adipöser Erwachsener in Deutschland bei 16,2 Prozent, aktueller Stand 2016. Die Studie differenziert sogar zwischen „Fetten“ nach Geschlecht, Altersgruppe und – jetzt kommt’s- den Anteil adipöser Erwachsener in der EU nach „Bildungsniveau“. Jawohl. Man kann jetzt nicht nur nachvollziehen wie viele Leute zu fett sind, sondern wie viele zu fett UND zu dumm sind.

Ich liebe Studien. Nichts sagt mehr über unsere Gesellschaft, ihre Strukturen und ihre elementaren physiologischen Unannehmlichkeiten aus. Was ist das auch ein Problem mit diesen Fetten. Überall stehen Sie im Weg rum, fressen uns die guten Sachen weg, blockieren das Vormittagsprogramm auf RTL, stinken und schwitzen. Dabei wäre es doch so einfach. Schnell mal in Google „I make you sexy.com“ eintippen und nebenbei ganz gutmenschlich einem narzisstischen Ernährungsfanatiker den Lebensunterhalt garantieren.

In nur fucking 10 weeks !

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Das ist den meisten aber ein wenig zu utopisch. Dann greift man doch lieber zum GU-Ratgeber in Tante Claudias Wohnzimmer Schrank. Ananas Diät. Atkins. Montignac. Dukan. Glyx – und die ganzen anderen scheiss Namen, mit denen Bücher verkauft werden, die keiner Sau helfen. Die Metapher „Sau“ steht hier für Fette. Ganz schön raffiniert, ich weiß.

Aber wieso sich eigentlich die ganze Mühe machen ? Wenn ich etwas über langfingrige Kohlenhydratketten (oder so)  wissen will, oder den glykämischen Index ODER wieviel „mol“  Zucker pro Liter Blut zu einem Überschuss an Insulin führen, studier‘ ich Biologie.

Denn die wirklichen Helfer da draußen, das sind nämlich die Dünnen !

Die Antagonisten der Adipösen. Ganz einfache Leute wie du und ich. Wer wirklich abnehmen will, der fragt einfach die schicke blonde Nachbarin mit der Botoxfresse vom zweiten Stock, die schaut einen doch eh immer an als hätte man ihren kleinen Scheiss-Chihuaha im Rezeptbuch, mit dick Soße drauf.

„Ach Angelika, du weißt doch bestimmt wie man abnehmen kann, bei der Figur ?“

Klar weiß die Angelika das. Einfach Finger in‘ Hals. Scherz, wir wollen hier wirklich nicht mit Klischees um uns werfen. Die wirkliche Weisheit hinter dem Mega- Body, wie uns alle Dünnen wieder und wieder propagieren, as simple as it is : „Weniger zuführen, als man abführt“. Oder so ähnlich.

Seien wir doch endlich mal ehrlich, wir Fetten. Es reicht langsam mal mit dieser widerlich feministischen Glorifizierung des Dick-Seins. Lassen wir die fat-shamer bitte ihre Arbeit machen! Denn wir vergessen das Wichtigste : Die wollen nur unser bestes ! Sie können es einfach nicht mit ansehen, wie wir uns tagein, tagaus Unmengen an Nahrung zuführen, sie nicht wieder abführen, die Statistiken versauen und auch noch scheisse dabei aussehen. Man darf so eine Sauerei einfach nicht gut heißen !! Punkt, Aus, Ende. Am Stammtisch dürfen sich dann die schowinistischen Alkoholiker mit Fettranz weiterhin über die dicke Jugend aufregen. Botox-Fressen-Angelika darf jeden Morgen mit angeekelten Gesichtsausdruck unseren Körper scannen. Nur so können wir die Epidemie aufhalten und endlich abnehmen und schön werden. Endlich sein wie alle anderen. Denn das ist ja der Sinn einer Gesellschaft oder ? Dass wir alle genau gleich sind, nicht unangenehm auffallen, am besten unsichtbar, aber zur richtigen Zeit am richtigen Ort vorzugsweise 60 Stunden die Woche sichtbar. Außerdem natürlich vor Gesundheit strotzende Yoga-Crossfit-Marathon-Lebenscoaches mit akademischem Abschluss, Großfamilienbesitzer, Steuerzahler, Konsumenten – politisch dumme Systemopfer eben.

Aber Hauptsache gut aussehen.

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Verlogene Scheiss-Gesellschaft.

Wo war ich ?

Genau. Fette. Warum gibt es eigentlich fette Menschen ? Darüber hat sich Aristoteles bestimmt schon lange vor Detlef D! (steht für „dick“) Soost Gedanken gemacht.

Fette Menschen sind einfach faul, zu faul zum Abnehmen.

Soweit, so gut.

Gibt es nicht auch faule Menschen, die nicht dick sind ? Klar gibt es die. Die fallen halt nicht auf. Das sind die dünnen blonden Kevins mit Tribal-Tattoos, auch Hartzer genannt. Leider gibt es Probleme, die man Menschen sofort ansieht. Raucher zum Beispiel, die riecht man meistens, bevor man sie sieht. Aber so ein stinkender Raucher nimmt wenigstens nicht so viel Platz weg. Wieso fangen die Fetten nicht alle einfach das Rauchen an ? Das soll doch beim Abnehmen helfen. Sogar zum Rauchen zu blöd.

Theorie Nummer zwei : Fette haben einfach keine Disziplin.

So ist es. Wir Fetten können dem Essen einfach nicht widerstehen. Wir sind süchtig danach. Wenn es Eis gibt, dann halt auch mal die ganze Packung. Unsere Disziplinlosigkeit geht sogar so weit, dass wir nicht einmal den Anstand besitzen, uns danach den Finger in den Hals zu stecken, 12 Stunden Crossfit zu machen und bis zum Morgengrauen „thinspiration“ Seiten durchzuforsten. Für die nicht Magersüchtigen : Das sind Foren, Blogs und Videos, die Magersüchtige illustrieren und mit motivierenden Lebensweisheiten wie “ Heute ist der erste Tag vom Rest deines Kotze-Lebens“ Minderjährige dazu animieren so dünn zu werden, bis sie sich endlich selbst schön finden. Das Konzept ist erfolgsversprechend.

Ergo sind Fette disziplinlos, weil sie ihre Sucht nicht unter Kontrolle haben. Oder disziplinlos, weil sie ihre Ernährungsumstellung nicht durchhalten. Das ist der Konsens.

Ja, auch wir haben unsere Sucht nicht unter Kontrolle. Genau wie alle Raucher, Alkoholiker, Sportsüchtigen, Machtsüchtigen, Sexsüchtigen, Magersüchtigen, Kotzsüchtigen, Drogensüchtigen, Liebessüchtigen, Beziehungssüchtigen- stoffgebunden oder nicht. Welches Individuum auf dieser Welt kann sich denn heutzutage anmaßen, mit dem Finger auf andere Leidtragende des Mensch-Seins zu zeigen ? “ Meine Sucht ist nicht so schlimm wie deine. Meine Sucht sieht man wenigstens nicht. Mit meiner Sucht gehe ich der Gesellschaft nicht auf die Nerven“. Guess what? Sucht bleibt Sucht.

Wenn wir alle die Heucheleien und Euphemismen beiseite schieben, können wir ehrlich sagen : Fette werden gehasst, weil unsere Gesellschaft uns dazu erzogen hat, Fette zu hassen. Sie sind hässlich, und stinken und so weiter, das hatten wir ja schon alles. Kein Mensch hasst Sportsüchtige. Wieso denn auch ? Die sehen meistens Hammer aus, sind aber genauso verkorkst und meist weitaus schlimmere Lebewesen, da oft gepaart mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen. Oder Machtsüchtige ? Wir alle, ob fett oder dünn, sind Hunde von machtgeilen Hundebesitzern. Wir wählen Sie, bezahlen Sie, feiern Sie. Ist das schlimm ? Vielleicht…… Aber nicht so schlimm wie fett sein.

Wenn ab jetzt, jetzt sofort alle Fetten auf der Welt nicht mehr fett wären, was wäre dann ?

Also lange waren es ja die Schwulen. Das war ja auch gesundheitsschädlich, weil die Schwuchteln es ja wie die Karnickel treiben und dann jeder Scheiss Aids kriegt. HIV-Virus mein ich. Wegen Poposex, die Drecksschweine. Aber schwul ist ja jetzt voll okay, sogar lesbisch ,und diese Tucken in Kleidern werden auch akzeptiert. Obwohl die tun ja keinem wirklich weh. Also wenn alle Dicken dünn wären, dann müssten wir uns halt was anderes suchen. Woanders projizieren. Unserer Soziopathie woanders freien Lauf lassen. Weil wir nie unsere Fressen halten können, weil wir intolerante, diskriminierende Arschlöcher sind und immer bleiben werden. Weil in jedem von uns ein bisschen Mobber steckt, weil das Andersartige einfach zu anders ist. Wisst ihr, wer mich schon immer aufgeregt hat ? Diese Drecks Asylanten. Die stören das Gesamtbild, mit ihren Kopfservietten und der kackfarbenen Haut. Genau. #fuckhumanity.

QUELLE:

http://ec.europa.eu/eurostat/documents/2995521/7700903/3-20102016-BP-DE.pdf/70d4d04a-f24b-47dc-b69d-e3a677774480

In meinem Kopf

Was geht in meinem Kopf vor ?

In meinem Kopf geht meistens vor, was in meinem Körper vorgeht. Und wenn in meinem Körper mal alles in Ordnung ist, fängt mein Kopf an, damit wieder alles gar nicht in Ordnung ist.

Meine Füße machen was sie wollen, nur nicht den Boden berühren. Das würde ja sonst helfen, beim Da-Bleiben. Beim Hier -Sein.

Hier-Sein. Das macht mir so wahnsinnige Angst, dass ich wahnsinnig werden will. So unendlich fühlt sich das an, Hier-Sein. Als gäbe’s keinen Morgen und keinen Abend, keine Uhren und keine Zeit, keine Sonne und keinen Mond. Kein hell oder dunkel. Aber eher dunkel.

Manchmal mache ich ganz normale Dinge, und plötzlich kommen die Gedanken. Warum wäscht du eigentlich Wäsche ? Wozu das alles ? Und überhaupt, wer bist du denn eigentlich, wer sind diese Finger die da die nassen Socken aus der Trommel holen ? Und dann wird mir immer ganz komisch, dann sehe ich meine Hand und da ist eigentlich keine Hand. Nur Materie, und das Nichts, ohne das Nichts „sein“ kann.

Was machen andere Köpfe eigentlich den ganzen Tag, wenn sie nicht durchdrehen oder wenigstens ständig daran denken, sich selbst zu verlieren?

Wenn der Postbote tagein, tagaus seine Runde fährt, kleine gepresste Bäume in verschiedensten Formen und Farben zwischen verschiedenen Individuen verteilt, damit ebendiese untereinander kommunizieren können oder auch gar nicht kommunizieren, wenn nur Geld von Oma im Umschlag ist. Denkt sich der Postbote manchmal, dass das alles gar nicht echt ist ? Ein einziger, großer Schmarrn ? Dass es ihn eigentlich auch NICHT geben könnte, in diesem Universum. Wenn nämlich keiner zu Hause ist um das Päckchen anzunehmen, dann könnte es den Postboten genauso gut auch gar nicht geben, denn es war ja keiner da, um ihn zu sehen.

Wahrnehmung. Wenn ich alleine bin, fühle ich mich komisch. Nicht, dass ich mich mit anderen Individuen nicht komisch fühlen würde- im Gegenteil. Aber alleine FÜHLE ich mich komisch. Da fühle ich meine Körper komisch. Da pocht das Blut so laut und da atme ich so laut und wenn ich einfach aufhören würde, gäbe’s auch mich nicht mehr, sagen sie. Irgendwie wär ich dann weg, obwohl  ich grad noch da war.

Ganz oft, da will ich Eine rauchen, da rauch ich nämlich einfach und spür nichts. Da sind die Lungen beschäftigt. Da frag ich mich nicht, wie das innen drin aussieht, wenn der Teer oder das Nervengift was auch immer, meine Kapillaren benetzt und mich einen langsamen qualvollen Tod sterben lässt – da rauch ich dann einfach. So wie als Kind, als ich einfach Ball gespielt hab, mit den Nachbarskindern, und sonst nichts. Da gab’s nur den Ball und die Kinder, den Wind und die Sonne. Den Schweiß auf der Nase und das schnelle Atmen. Da konnte ich einfach hier sein und fand das gar nicht komisch. Gar nicht ewig- im Gegenteil. Viel zu kurz war das.

Eile. Oft weiß ich gar nicht, ob mir alles zu langsam oder Vieles viel zu schnell geht. Manchmal könnt ich durchdrehen, wenn ich an der Kasse stehe und alles langweilig ist, und ich dann wieder so nah bei mir bin. Wenn außen nichts vorangeht, wenn nichts passiert. Dann bin da nur ich, und mein Atmen. Und die Gedanken. Dann muss ich wieder hier sein, weil über den Kassierer hat sich schon wer Anders beschwert und zum Reden gibts auch keinen, so als Introvertierte. Wie ich das Hier-Sein hasse. Und wie ich aber auch alles andere hasse, was mich so gut ablenkt davon. Vom Hier-Sein. Arbeiten nämlich. Oder Stress. Ärger. Anstrengung. Liebeskummer. Der blöde Ex, der sich wieder nicht meldet. Da bin ich dann in meinem Element. Da hört das Hier-Sein auf, da bin ich dann ganz weit weg wo ich mich wohl fühle. Weil ich’s gut kenne.

Glücklich Sein. In meinem Kopf da denkt eine Stimme, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Ich glaube, das bin ich. Sonst gibts da ja nichts mehr. Oder ? Außer Gott, sagen Sie, der ist in uns allen. Und wenn ich ein Teil von Gott bin, dann muss es Gott ziemlich beschissen gehen, mit den ganzen Stimmen im Kopf, die mich zu dick finden, mein Gesicht zu schirch, meine Faulheit zu faul und meine Leistung zu schlecht. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie da plötzlich nichts ist- weder im Körper, noch im Kopf. Da bin ich dann frei und könnt mich gleich selber fotzen, weil ichs mir im selben Moment selbst versaue. Wenn da nichts ist, oben im Kopf und auch nichts da wo das Loch ist, so Richtung Herz – wo die Angst sitzt und wo’s manchmal einfach weh tut- da bin ich glaub ich glücklich. Und das tut dann weh in dem Moment, so weh. Weil es so selten kommt und gleich wieder weg ist. Dann hab ich’s lieber gar nicht, das glücklich-fühlen, das frei-sein. Dann kann ich’s auch nicht vermissen. Da hör ich dann lieber auf die tausend Stimmen, auf den tausend Metaebenen in meinem Kopf, die mich für verrückt halten und für dick. Und doof sowieso. Da bin ich dann ganz weit weg wo ich mich wohl fühle. Weil ich’s gut kenne.

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Ich bin jetzt Kind

Ich will spüren, will mich freuen, will das Leben sehen,

will nicht einsam und allein an der U Bahn stehen.

Wenn der Tag wieder einmal um zwölf beginnt

und ich mich frage, wieso die Zeit verrinnt.

Wieso bleibt sie nicht stehen, damit ich rausfinden kann,

warum ich bin.

Aber will ich die Antwort überhaupt wissen ?

Will ich nicht lieber den Tag überstehen,

ohne den Sinn hinter allem zu missen

und nicht all das Leid in Gesichtern zu sehn‘,

die mich wortlos bitten Ihnen beizustehn‘.

Wie soll ich es geben, wenn ich’s doch selbst nicht hab?

Wo find ich das Leben, das Feuer in mir ?

Wieso hab ichs verloren, wieso bin ich hier ?

Wann war die Zeit, als es das Spielen noch gab,

als das Kribbeln im Bauch mir das Essen verdarb?

Als es fast weh tat im Herz, und man kaum Luft bekam,

nur weil Ferien warn, oder Jemand einen auf ne Party mitnahm.

Alles Kinderkram.

Erwachsene sagt man, die freuen sich auch.

Es ist gar nicht schlimm, nicht mehr Kind zu sein.

Warum tut’s mir dann immer so weh im Bauch,

wenn ich einsam und allein an der Ubahn steh‘,

wenn der Tag wieder einmal um zwölf beginnt

und ich mich frage, wieso die Zeit verrinnt.

Ich will doch nur Heim,

keine Lust auf’s Bauchweh.

Keine Lust auf die Stille,

keine Lust auf den See.

Keine Lust auf neue Freunde, die wollen mich doch nicht,

ich brauch nur ganz schnell ein altes Gesicht.

Erwachsene sagt man, die sind stark und halten aus,

die gehen nicht bei jedem Kribbeln nach Haus.

Die haben das Kribbeln schon lange verloren,

sonst wären sie längst in der Stille erfroren.

Ich will doch nur Heim,

keine Lust auf’s Bauchweh.

Keine Lust auf die Stille,

keine Lust auf den See.

Keine Lust auf neue Freunde, die wollen mich doch nicht,

ich brauch nur ganz schnell ein altes Gesicht.

Noch ein paar Stunden, dann ist der Tag vorbei.

Der nächste kann doch nur besser werden.

Vielleicht grüßt mich das Murmeltier morgen mal nicht?

Wer weiß, vielleicht fühl ich mich morgen mal frei,

muss nicht einsam und allein in der Ubahn stehn‘.

Vielleicht seh ich morgen ein altes Gesicht.

Hommage an die Menschen im Leben, die es nicht wert sind

Seien wir doch mal ehrlich : Beziehungen können wundervoll sein, denn selbst der Mingle möchte nicht wirklich Single sein, sonst gäbe es ihn ja nicht.

Mein liebster Freund,

Nach den gemeinsamen sechs Monaten miteinander, kann ich dir nur aus tiefstem Herzen sagen, was für ein armseliger Feigling du bist. Eigentlich reicht nicht einmal das, du bist womöglich auch die Buchstaben nicht wert, die sich hier aneinanderreihen.

Man mag es kaum glauben, aber Frau kann wohl an Schlimmeres geraten, als untreue Casanovas, arbeitslose Schnorrer, bildungsarme Idioten, oder narzisstische Schowinisten. Es gibt noch eine Spezies Mann, die in vielen Statistiken vernachlässigt wird.

Sie nennt sich : der Feigling

Diese Spezies zeichnet sich durch Attribute aus wie: Schwäche, Verantwortungslosigkeit, Intoleranz, allgemeine, die Lebensumstände betreffende Demotivation, Ignoranz und Egozentrik.

Der natürliche Lebensraum des Feiglings ist eigentlich schwer zu definieren. Denn der Feigling kann nicht ohne mütterliche, familiäre oder partnerschaftliche Unterstützung existieren. Oft geht er symbiotische Verbindungen mit mutterähnlichen Figuren ein, um sein eigenes Überleben zu sichern. Er zieht es jedoch vor, die Symbiose auf seine eigene, psychopathische Art zu definieren, und den ahnungslosen Wirt restlos auszunehmen. Der Feigling ist ein Überlebenskünstler, der nach der Darwinsch’en Theorie eigentlich gar nicht existieren dürfte. „survival of the fittest“. Nun fit sind sie allemal, vor allem in der Kunst des Vortäuschens. Das schlimmste am Feigling ist nämlich, dass man ihn oft gar nicht als solchen erkennt. Nehmen wir einmal Peter : Peter ist ein unheimlich charismatischer, gut aussehender, lang gewachsener junger Mann. Er liebt soziale Interaktion, strahlt eine innere Ruhe und Gelassenheit aus, die viele chaotische Menschen in den Bann zieht. Chaotisch sind, wie wir alle (Feminazis bitte nicht weiterlesen) wissen, oftmals Vertreterinnen der weiblichen Spezies. Wenn wir also einen ruhigen und gelassenen Mann sehen, der auch noch Charisma hat und vielleicht Donald Trump optisch nicht allzu sehr ähnelt, mobilisiert sich unser Östrogen und schaltet das rationale Zentrum unseres Verstandes aus.

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Natürlich mögen viele einwenden, dass nicht jeder gelassene und ausgeglichene Mensch gleichzeitig ein Feigling ist. Das mag sehr wohl stimmen, man muss sich nur des Ausmaßes an Gelassenheit bewusst werden.

Wir sprachen ja gerade von Peter. Peter verliebte sich in eine Frau. Diese Frau war, man mag es kaum glauben, ich. Ich gehöre leider zu den vielen jungen Frauen, die sich sehr schnell auf feste Bindungen einlassen, obwohl das natürlichste wohl wäre, jemanden zunächst richtig kennenzulernen. Da spielt aber mein Vaterkomplex und meine Abneigung gegen das Allein- Sein nicht mit. So kam es, dass Peter und ich nach nur zwei Wochen in einer festen Partnerschaft waren. Ich hätte wohl schon stutzig werden sollen, als Peter mir erklärte, dass er seit Monaten heimatlos ist und auch mit seinen Eltern keinen Kontakt habe. Okay, Eltern können schwierig sein und die „Generation Y“ ist ja bekannt dafür, dass sie sich nicht einmal bei elementaren Bedürfnissen wie dem eigenen Zuhause und dem dazugehörigen Wohnort festlegen will. Was gäbe es also schöneres, als Peter ein warmes Zuhause zu bieten, sich gemeinsam in den wohligen Kokon meines Elternhauses zurückzuziehen und der Realität Adieu zu sagen. So verbrachten wir zwei wundervolle Wochen, in denen ich tun und lassen konnte was ich wollte, es kam uns vollkommen natürlich vor. Das erste mal in einer Beziehung, erlebte ich keinen ekelhaften Herzschmerz, kein Vermissen und keinen Eiertanz. Peter war einfach da, ließ sich gerne anfassen ohne wie von der Tarantel gestochen aufzuspringen und war auch sonst ein sehr angenehmer Zeitgenosse. Da auch ich ein paar Komplikationen bezüglich meiner Erziehungsberechtigten nachweisen konnte, entschieden wir uns dafür, auf Wohnungssuche zu gehen. Um gleich alle Hater in die Schranken zu weisen: Natürlich war das dumm. Sogar sehr dumm, und vielleicht steht es mir gar nicht zu einen unermesslich dämlichen und satirischen Artikel (oder was auch immer das ist), über Feiglinge zu verfassen. Aber ich weise darauf hin, dass der Text noch weitergeht und aufkeimende Zorneswellen vielleicht ein Zeichen von Projektion sind, à la „ Verdammt, das könnte meine Ex sein, die B*** ist auch gleich mit mir zusammengezogen und dann beschwert sie sich…“

Zocker

Aber ich schweife ab. Peters Urgelassenheit kam uns schon bei der Wohnungssuche zu Gute. Während ich mit dutzenden Vermietern heftige Debatten in Hinblick auf unsere Bonität führte, zog Peter es vor die Suche nach dem neuen Zuhause dem Schicksal zu überlassen. Das Schicksal war in dem Fall ich, es wäre ja auch äußerst ignorant gewesen, den PC-Stecker zu ziehen und Peters inneres Gleichgewicht durch mein unangemessenes Bedürfnis nach Unterstützung zu stören.

„ Nur noch die Runde Schatz, außerdem ist gerade Steam Summer Sale“. Ah ja, nun es lässt sich bestimmt schwer zocken, wenn der Regen uns auf die Birne tropft weil Monsieur lieber nach extrem teuren Grafikkarten searchte, als zufällig auf ein paar Wohnungsanzeigen zu klicken. Irgendwann erbarmte sich eine arme Seele, ein ehemaliger Physiklehrer ( ja ich war selbst verwundert) und ließ uns mit Bürgschaft und hoher Kaution, von dem Beides ich beisteuern musste, einen Mietvertrag unterschreiben.

Der größte Schritt war nun getan. Dachte ich. Leider war eine leere Wohnung jedoch nicht gerade heimelig. Wo bekam Unsereins nur Möbel zum Preis von 0 € her ? Das war nämlich unser Budget. Aha, sozialer Möbelmarkt. Billige Möbel haben jedoch auch ihren Preis und dieser hieß : Hartnäckigkeit. Um 8 Uhr vor der Eingangstür stehen, zwielichtigen Schwarzverkäufern die schönsten Schränke aus den Fingern reißen und dann auch noch mit den leicht nach Brauerei duftenden Aushilfskräften um den Preis feilschen. Tag für Tag. Ihr fragt euch bestimmt wo Peter war. Nun ja, Peter zog es vor, in der leeren Wohnung zu bleiben und es sich auf der Matratze am Boden gemütlich zu machen. Die neue Grafikkarte wollte ja ausgetestet werden. Ruhig Blut, wenigstens behielt einer von uns beiden einen klaren Kopf. Langsam gewöhnte ich mich an Peters inneren Frieden, woran ich mich jedoch nicht gewöhnen konnte war das permanente Rumgemecker. Übrigens noch ein Attribut, das den Feigling auszeichnet.

Langsam wurde mir klar, dass das alles wohl eher keine innere Gelassenheit war, sondern einfach nur Faulheit. Es reichte nicht, dass ich alles allein machte und auch noch nach der Uni arbeiten ging, Nein, Peter mochte nämlich die Möbel nicht, die ich aussuchte. Er mochte auch die Möbelpacker nicht, die ihn um acht aus dem Schlaf rissen und ihn um seine wohlverdiente Ruhe brachten. Eine durchzockte Nacht fordert nämlich seinen Tribut. Auch die Preise missfielen ihm sehr, denn wie sich herausstellte, war Peter ein Geizhals. „Was, 40 Euro für so ein hässliches Sofa? Das zahlst aber du“. Natürlich zahlte ich, denn an Peters Geld war sehr schwer ranzukommen. Er führte womöglich ein streng geheimes Konto in der Schweiz, an das er vor allem wenn die Miete fällig war oder Nebenkosten anstanden, nur sehr schwer rankam.

Zwischen ätzenden Vorlesungen im Schuldrecht, dem Bedienen älterer Herrschaften im örtlichen Casino und den alltäglichen Problemen die das Mensch-Sein so mit sich bringt, schaffte ich es irgendwie unsere Wohnung zu einem heimeligen Ort zu machen. Was nun kam, war wohl die Essenz, die den Tod einer jeden Beziehung herbeiführt : Der Alltag.

Wenn der Feigling eines ist, dann alltagsuntauglich. Er meidet Verantwortung wie die Katze das Wasser. Oder wie mein Hund das Baden in der Badewanne, nachdem er sich wieder im Odel gewälzt hat. Denn so wie der Hund den Geruch der Kuh liebt, liebt der Feigling den Geruch nach Unabhängigkeit. Natürlich sind wir als Menschen darauf programmiert, unserem Drang nach Freiheit nachzukommen und belastenden Situationen aus dem Weg zu gehen. Soweit ich weiß, kann ein aus dem Gefängnis entflohener Straftäter keine Erhöhung seines Strafmaßes erwarten, da der Freiheitsdrang des Menschen genetisch bedingt ist. Das kann auch kompletter Schmarrn sein, aber ich bin auch gerade „innerlich zu gelassen“ um Näheres zu googlen.

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Ich fragte mich bei Peter jedoch oft, inwiefern das Müll-Rausbringen, die Barthaare aus dem Waschbecken holen oder simple Haushaltstätigkeiten seinen Drang nach Freiheit einschränkten. Es ist ja nicht so, dass die eigenen Hinterlassenschaften einem ein hohes Maß an Verantwortung einbringen. Das hieße ja, wir dürften uns den Hintern nicht mehr abwischen, weil das unserer eigenen Entfaltung im Weg stünde. Ich weiß, das ist jetzt wirklich übertrieben, aber genauso kam mir Peters Abscheu vor jeglicher Verpflichtung vor.

Der Alltag mit Peter war eigentlich nicht sonderlich anders, als das Einrichten der Wohnung. Nur dass es jetzt um das „Einrichten“ unserer frischen Beziehung ging. Oh ja, ihr habt richtig gehört. Eine Beziehung will eingerichtet werden, will klare Linien, will Sicherheit und Beständigkeit. Will Verantwortung und Pflichtbewusstsein. Pfui, was für eklige Wörter. In ihnen schwingt die Symphonie der Einschränkung mit, der Gefangenschaft und Abhängigkeit. „Also warum überhaupt eine Beziehung eingehen ?“, fragt sich der Feigling, wenn er auf einmal die Wäsche aufhängen muss, die Freundin wissen will, wo er die ganze Nacht war, oder die Belagerung der Wohnung durch partysüchtige Lebensentsager generell ungern gesehen wird. Ach ja, stimmt. Alleine ist es ja doof. Symbiose und so.

So kam es, dass unsere Beziehung viel mehr einer Co-Existenz glich, als einer wirklich festen Bindung, die auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Vor ein paar Tagen habe ich einen Online-Bericht über eine neue Begriffsdefinition gelesen, sie nennt sich „Mingle“. Es ist eine Mischung zwischen den englischen Wörtern „mixed“ und „single“. Jemand der sich selbst als Mingle bezeichnet, ist somit offiziell Single, führt aber nebenbei eine Beziehung. Die Generation Y hat also einen neuen Beziehungsstatus kreiert. Der ultimative Freifahrtsschein für jeden bindungsscheuen Feigling. Das ärgerliche daran ist, dass die Unfähigkeit sich festzulegen, Verantwortung zu übernehmen und die eigene Angst vor echter Nähe durch solche Begriffe Absolution erlangt. Es ist also nicht mehr notwendig, sein eigenes Verhalten zu reflektieren, man ändert einfach seinen Beziehungsstatus und frönt dem Drang nach Unabhängigkeit. Freud würde sich heute wohl im Grab umdrehen und eine Revolution starten um all die verblendeten Angsthasen auf den Weg der Tugend zu bringen. Aber vielleicht gefiele ihm auch die neue Art des Denkens. Oder er würde es so erklären, dass ein Mensch, der Verantwortung scheut und extrem unabhängig bleiben will, eigentlich nur kindlichen Trieben folgt. Die einzigen Wesen auf dieser Welt, die keine Verantwortung in zwischenmenschlichen Beziehungen übernehmen müssen, sind Kleinkinder und Tiere. Erstere befinden sich im Lernprozess und versuchen das Verhalten ihrer Mitmenschen zu imitieren, und mein Hund findet, dass er nach dem Wälzen im Pferdemist ausreichend gesäubert ist, wenn er betroffene Areale seines Körpers mit der eigenen Zunge reinigt. Wenn ihr versteht, was ich meine.

Seien wir doch mal ehrlich : Beziehungen können wundervoll sein, denn selbst der Mingle möchte nicht wirklich Single sein, sonst gäbe es ihn ja nicht.

Fakt ist aber, dass man im Leben nichts geschenkt kriegt. In dem Moment, in dem sich ein erwachsener Mensch dafür entscheidet, eine zwischenmenschliche Bindung einzugehen, entsteht Verantwortung. Die Verantwortung für das eigene Handeln. Geben und Nehmen. Ein emotionales Gleichgewicht, Ying und Yang. Das Übel dieser Welt besteht darin, dass wir wollen und wollen, aber nicht bereit sind zu geben. Es ist also in hohem Maße feige, die Vorzüge einer Beziehung zu genießen und gleichzeitig allen Verpflichtungen zu entsagen.

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Wie ging es denn mit Peter weiter ? Nun Peters Feigheit stieg exponentiell mit meinen Erwartungen und Ansprüchen an ihn. Das gemeinste daran war, dass mir meine Ansprüche selbst irgendwann anmaßend vorkamen. Ich fing an, meine eigene Psyche zu analysieren.

Erwarte ich zu viel ? Bin ich generell unzufrieden ? Wenn Peter morgens angeheitert nach Hause kam und den ganzen Tag verschlief, versuchte ich meine eigenen Gefühle zu reflektieren. Warum verletzt mich das jetzt ? Kann ich es meinem Freund nicht gönnen, wenn er mit seinen Homies die Nacht durchtanzt ? Bin ich kontrollsüchtig ? Der Feigling versteht sich sehr gut darin, sein eigenes Verhalten zu projizieren und den Partner in vollkommenen Selbstzweifeln zurückzulassen. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass Peter mir sehr wohl Rechenschaft schuldig war. Am Tag zuvor genoss er nämlich mein zubereitetes Mittagessen, genoss den Duft der frischen Wäsche und genoss auch das Kopfstreicheln nach der Arbeit, wenn alle wieder richtig gemein zu ihm waren. Er profitierte also von den Vorteilen unserer zwischenmenschlichen Beziehung. Fürsorge, Mitgefühl, Liebe. In dem Moment wo er sich entschied, die Nacht fern zu bleiben und mir nicht einmal sagte, wann er nach Hause kam, entstand ein emotionales Ungleichgewicht. Er ließ mich mit Gefühlen der Sorge, der Wut und Ungewissheit zurück. Dem völligen Gegenteil dessen, was ich ihm zuvor von mir gegeben hatte. Womöglich entstand dieses Ungleichgewicht schon nach dem Essen, als er sich ohne ein Wort des Dankes vor den Fernseher fläzte. Wertschätzung ist nämlich auch ein wichtiger Aspekt einer Bindung. Dieses Ungleichgewicht kann man wirklich auf alle möglichen Situationen übertragen. Man erkennt es daran, dass man sich verletzt und ausgenutzt fühlt. Das Verhalten eines Nicht-Feiglings wäre in dem Fall gewesen, Fürsorge, Mitgefühl und Liebe in annähernd gleichem Maß zurückzugeben. Die Verantwortung dafür zu tragen, Pflichtbewusstsein spüren. So denkt aber der Feigling nicht, er ist unersättlich und das Zeigen der eigenen Liebe und Fürsorge, der eigenen Nahbarkeit würde ja Mut erfordern, eine Eigenschaft die dem Feigling nicht zu Eigen ist.

Um einen Peter zu haben, braucht es aber auch eine Peter-Freundin, die sein Verhalten toleriert. So endeten meine Tage meist in völliger Erschöpfung, wenn ich meinen Welpen gefühlte sechzehn Mal nach Draußen brachte, die Küche aufräumte, für die Uni lernte und zwischendurch schnell einkaufen ging, denn das mochte Peter gar nicht. „Könntest du bitte Klopapier kaufen?, es ist schon wieder leer“, sprach ich gewandt an das verträumte Wesen vor dem Rechner. Hört der mich überhaupt mit diesen riesigen Kopfhörern ? Ein genervtes „Ja, ja“ erreichte meine Ohren. Nach der Arbeit rannte ich aufs Klo. Erleichtert griff ich nach der Klorolle. Da war keine Klorolle, nur die Rolle ohne Papier. Meine schönen Weihnachtsservietten lagen am Waschbeckenrand. „Ist das dein Ernst ?“, fragte ich ihn. Er schien seit heute Morgen mit dem PC-Stuhl eine Symbiose eingegangen zu sein. „Ich hatte noch keine Zeit“.

Da wären wir wieder bei den Verpflichtungen für die eigenen Hinterlassenschaften. In diesem Moment setzte etwas bei mir aus. Gut, dann müsse Peter wohl von nun an die Praktiken meines Hundes in Erwägung ziehen, denn ich würde so lange kein Klopapier kaufen, bis sich Peters verschollenes Pflichtbewusstsein bemerkbar machte.

Keine Angst, natürlich säuberte ich in dieser Zeit mein eigenes pflichtbewusstes Gesäß mit sanften Kosmetiktüchern. Es vergingen Tage, bis das ersehnte Gefühl von Verantwortung das Licht der Welt erblickte. Eine Klopapierrolle stand auf dem Waschbecken, die leere Rolle hing in der dafür vorgesehenen Halterung. Naja, immerhin. Die neue Rolle befand sich aber wohl eher Mangels Alternativen in unserem Besitz. Hoffnung keimte in mir auf. Können wir jetzt womöglich heiraten und Kinder kriegen ? Ich hatte Peter ja vollkommen unterschätzt.

Der Lichtstrahl am Ende des Tunnels, den die Klorolle für mich symbolisierte, verschwand jedoch sehr schnell in der tiefen Dunkelheit alter Gewohnheiten. Eigentlich wurde es sogar immer schlimmer, denn Peter war bewusstseinsverändernden Substanzen gar nicht abgeneigt. Am Anfang unserer Beziehung erzählte ich ihm von einer sehr schmerzhaften Erfahrung ein Jahr zuvor.

Peter wusste sehr wohl von meiner Abneigung, versicherte mir jedoch, dass er schon seit Jahren abstinent lebte. Von seinem Spitznamen „Wodka-Peter“ hatte ich bis dahin nichts gehört. Wodka-Peter kam immer seltener nach Hause. „ Warum sind denn deine Augen so rot ?“, fragte ich. „Ach, ich war den ganzen Tag in der Sonne“, antwortete er abwesend. Der Feigling hält es mit der Wahrheit nämlich auch nicht so genau, es erfordert natürlich Stärke, jemandem knallhart ins Gesicht zu sagen, dass man zugedröhnt ist. So kam es, dass Peter endgültig vor meinen Erwartungen und Anforderungen floh. Mittlerweile habe ich mich von Peter getrennt. Ich sitze nun in unserer leeren Wohnung, und betrachte die Scherben unseres kurzen Zusammenlebens.

Hin und wieder erlebt auch der Feigling Momente der Erleuchtung, in denen ihm die Anwesenheit seiner Kronjuwelen bewusst wird. So erklärte mir Peter zunächst den Krieg, bestand auf die Übernahme der Wohnung und würde alles erdenkliche tun, nur nicht klein beigeben. Die Moral von der Geschichte war, dass Peter die Kündigung einreichte, als ich mir schon eine neue Wohnung gesucht hatte. Ihm ist letztendlich wohl klar geworden, dass die Verantwortung, die eine Wohnung mit sich bringt, eine unlösbare Herausforderung für ihn darstellt. Was lernen wir daraus ? Der Feigling bleibt immer ein Feigling. Des weiteren : Zahle niemals die Kaution für einen Feigling, wenn er nach der Kündigung Türen demoliert. Unsere Freunde haben sich von mir zurückgezogen. Auch mit seiner Familie, die ich sehr gerne mochte, habe ich keinen Kontakt mehr. Peter konnte nämlich erstaunlich überzeugend sein. Er war das Opfer, ich die Täterin. Opfer sein ist leicht, man übernimmt schlichtweg keine Verantwortung fürs eigene Handeln, aber das hatten wir ja schon.

Der Duden bietet viele erfrischende Synonyme für das Wort „Feigling“, um den abstrakten Begriff besser zu verstehen : „Hosenkacker, Jammerlappen, Waschlappen, Angsthase. Drückeberger. Schisser. Memme.“

Damit ihr mich nicht falsch versteht, es gibt genauso „Feiglinginnen“, oder „das Feigling“, um „gender-gerecht“ zu bleiben. Es gibt Macho-Feiglinge, Aggro-Feiglinge, erfolgreiche Feiglinge, asoziale Feiglinge, Politiker-Feiglinge, religiöse Feiglinge, soziale Feiglinge, Freunde die Feiglinge sind. Ohja, Freundschaften sind ein wichtiger Teil zwischenmenschlicher Beziehungen. Freundschaften als platonische Beziehungen verlangen vielleicht kein emotionales Gleichgewicht in Hinblick auf Liebe und Fürsorge, umso mehr aber in Wertschätzung und Loyalität. Wie George Bernard Shaw so schön sagte :

„Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit, das ist der Grund, warum die meisten Menschen sich vor ihr fürchten“